Bis er die Hand erhob

Wenn der Verlobungsring herunterfällt…

Dann ist das ein schlechtes Omen; dann sollte das eine Warnung sein, das diese Verbindung nicht glücklich sein kann.
Welcher vermeintlich glücklich Verliebte sieht das oder will es sehen?

Hinterher ist man immer schlauer, so denkt auch Mia, die mit fast 30 kurz vor ihrer Hochzeit steht. Diesmal ohne Verlobung vorher. Ohne vorheriges Zusammenziehen. Einfach der Sprung ins kalte Wasser. Diesmal mit dem Richtigen. Und diesmal fühlte sich auch alles richtig an. Keine Angst mehr, kein komisches Gefühl.

Das war schon einmal anders –

Sie war damals gerade 20, voller Lebensfreude und neugierig auf das Leben, das auf sie wartete. In dieser Zeit begegnete sie Ihm. Einen Namen hat er in ihrem Leben nicht mehr und das ist auch besser so.

Sie kannten sich aus der Kindheit und auf den zweiten Blick war sie hin und weg. Er sollte ihr neues Leben werden, ihr Halt, ihr Anker, ihr – alles. Es kam so völlig anders.

Sie begann eine Ausbildung und hatte bald einen guten Namen in dem Betrieb. Der Beruf lag ihr, sie hatte Spaß. Leider half beides nicht, dass sie eine Festanstellung bekam. Die Zeiten waren hart und sie musste sich nach der Prüfung eine neue Stelle suchen. Sie wählte das Erstbeste und im Nachhinein kommt ihr der Gedanke, dass wohl auch er der erstbeste gewesen war. Beides war nicht die richtige Wahl.

Hinterher ist man eben immer schlauer.

Von da an war ihr beruflicher und privater Alltag geprägt von verächtlichen Äußerungen und Demütigungen.

„Sie können das nicht!“ hörte sie ebenso oft wie „Wenn Sie vielleicht das wenigstens richtig machen könnten“. Ein neutraler Beobachter hätte das nicht nachvollziehen können. Stand doch im Ausbildungszeugnis nur positives und herausragendes.
Und Sie? Sie hörte es, fühlte die Ohrfeigen und ließ sich erniedrigen. Sie fühlte sich allein.

Im privaten Alltag wurde das fortgeführt – von der vermeintlich großen Liebe ihres Lebens. Täglich, mal mehr mal weniger, immer und immer wieder. Bis sie klein war, ganz klein.
Mit seinem „Schau dich doch mal an, wie dick du bist!“ und „Willst du noch mehr essen, damit du noch dicker wirst?“ erreichte er nur das Gegenteil.

Sie war innerlich inzwischen wieder ein „kleines Mädchen“ geworden, das sich in eine eigene Welt flüchtete. In eine Welt, in der Essen sie tröstete und zum fast einzigen Freund wurde, der da war, immer.

Der Strudel ins Unheil hatte begonnen und nahm seinen Lauf. Jeder Tag wurde zum Spießrutenlaufen in der Firma und privat.

Dem beruflichen Wahnsinn konnte sie durch einen Umzug entkommen und fand eine Stelle, bei der ihre beruflichen Qualitäten nicht nur gesehen und geschätzt, sondern auch gefördert wurden. Den privaten Wahnsinn wollte sie nach wie vor nicht sehen und tat nach einiger Zeit das Unvermeidbare: Sie zog mit Ihm zusammen und hoffte, dass es von nun an besser werden würde. Eine neue Stadt, neue Freunde, ein Neubeginn für sie beide.

Aber …

Mit seinem Heiratsantrag wurde alles noch schlimmer!

Sie waren übers Wochenende zu Freunden gefahren und wollten dort Verlobung feiern. Beim Antrag dann passierte es: der Ring fiel und blieb verschwunden.

War es das? Verspürte sie Erleichterung?

Nein, denn er tauchte wieder auf und wurde an den Finger gesteckt, fiel später abermals runter und blieb die Nacht verschwunden. Erst am nächsten Tag landete er da, wo er hinsollte. Noch zu früh für sie, um aufzuwachen. Dazu sollte sie noch ein weiteres Jahr brauchen.

Hilflose Versuche, zu gehen, wurden von seinen Freunden im Kein erstickt „Er trägt dich doch auf Händen.“ Wenn die gewusst hätten.

Ihre Freunde wussten nichts.

Die wenigen, die noch geblieben waren.

Der Anfang vom Ende folgte bei einem weiteren Antrag in einem größeren Urlaub über den Dächern einer großen Stadt. Nur widerwillig war sie den Aufstieg zum Aussichtsturm gegangen. Sie war zu müde von der Stadtbesichtigung am Tag, war zu kraftlos, am Ende ihrer Kräfte. Oben angekommen, begann sie langsam aufzuwachen, sehr langsam, zu langsam.

Seinen Antrag nahm sie an. Sie war zu müde, um ihn abzulehnen. Der Hochzeitstermin wurde festgelegt. Eine Zeit lang ging es besser. Er bemühte sich, es hatte den Anschein.
Bis, ja bis zu einem Nachmittag, an dem er die Hand erhob.

Da wusste Mia, es war Zeit zu gehen. Und das tat sie. Erhobenen Hauptes, erstarkt aus den ganzen Demütigungen und Unterdrückungen. Sie ging fast wortlos und ließ ihn allein zurück, allein und klein. Sie fühlte – nichts mehr.

Heute, fünf Jahre später, steht wieder ein Hochzeitstermin fest. Tom ist der Auswählte. So lange kennen sie sich noch nicht, aber es passt. Von Anfang an, einfach alles. Diesmal wird sie nicht nur dem Anschein nach auf Händen getragen, sondern buchstäblich. Von Anfang an. Mit allen Ecken und Kanten wird sie geliebt. So wie es sein soll!

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