Perfektionistinnen sind andere Mütter

Im Berufsleben haben es Perfektionisten relativ einfach: mit einem freundlichen Wesen sind sie bei den Chefs beliebt und Kunden profitieren von ihrer Pedanterie. In der Zusammenarbeit mit den Kollegen jedoch wird es schwieriger: Einen Perfektionisten bringt nichts mehr auf die Palme als ein anderer Weg zum Ziel. Unachtsamkeiten und Nachlässigkeiten machen ihn rasend und verleiten ihn zu Überstunden.

Wird aus einer Perfektionistin eine Mutter, sieht sie sich Problemen und kleinen Menschen gegenüber, auf deren Handlung ihr perfektionistisches Denken und ihre Vorgaben keinen Einfluss hat; oder nur wenig. Die Perfektionistin fühlt sich plötzlich schrecklich unperfekt und verliert nicht selten für kurze oder längere Zeit den Boden unter den Füßen. Das kann sich äußern in einem temporär chaotischen Haushalt, in einer Beziehungskrise, in Schlafstörungen, wenn diese nicht schon durch das Baby hervorgerufen wurden, oder schlimmerem.

Die unperfekte Perfektionistin oder die verlorene Perfektionistin wird versuchen, wieder Land zu gewinnen, wieder zur alten Form zu gelangen. Manchmal gelingt das schnell, manchmal muss die Perfektionistin aber einsehen, dass sie umdenken und einen neuen Weg finden muss.

Der kleine Mensch, dem sich die Perfektionistin gegenüber sieht, ist so herrlich unperfekt und doch perfekt. Er kennt keinen Zeitplan und kein Zeitgefühl. Einen Teil seiner Mahlzeiten gibt er unmittelbar wieder von sich, einen anderen Teil später. Er hält sich nicht an feste Schlafenszeiten und macht die Nacht zum Tag. Er benutzt nicht die Toilette und riecht oft schrecklich unperfekt. Dazu ist er immer wieder laut, sehr laut.

Und dann ist er doch so perfekt, dieser kleine Mensch. Das beflügelt die Perfektionistin und lässt sie hoffen, ihre eigene perfekte Welt wiederzuerlangen.

Im Laufe der Jahre als Mutter wird die Perfektionistin ihr Unperfekt-sein kennen lernen. Sie wird es lieben oder hassen. In jedem Fall wird sie sich damit auseinander setzen, wird Fachliteratur lesen, Fachleute befragen, um aus ihrem unperfekten Alltag wieder einen perfekten zu machen.

Die Perfektionistin wird dabei immer wieder vergessen, dass ihr Alltag von ihrem perfekten unperfekten Kind gesteuert ist. Sie wird laut um Hilfe rufen und belächelt werden. Sie wird versuchen, auszubrechen und ihre Erfüllung letztendlich in einem Hobby finden, das sie perfekt gestalten möchte. Störungen von außen werden sie wieder aus der Bahn werfen und verzweifeln lassen. Bis…

Ja, bis sie irgendwann zwischen unperfekten Wäschebergen und klebrigen Fußböden feststellt, dass sie keine Perfektionistin mehr sein kann und es auch nicht mehr möchte. Dem unperfekten perfekten kleinen Menschen sei Dank.

Sie wird mit ihrem Kind basteln und mit Wasserfarben experimentieren, Sand-Kleckerburgen gestalten und Plätzchen backen.

Und danach wird sie ihre Küche blitzblank schrubben, um sich einen kleinen Teil des Perfektionismus aus ihrem alten Leben wieder zurück zu holen. Danach wird sie sich mit ihrem perfekten Kind in den Lieblingssessel kuscheln und lächelnd ihr perfektes Leben genießen.

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