Was meine Tochter von meiner Mutter lernen kann

Eine aktuelle Situation regte mich an, über meine Beziehungen zu meiner Mutter und die zu meiner Tochter nachzudenken.

Die Beziehung zu meiner Tochter ist noch einfach: sie ist vier und ich bin ihre Freundin, Lieblingszauberfee und Königin. Wir verstehen uns super, weil und obwohl sie mir sehr ähnlich ist. Dennoch –

In Momenten, in denen meine vierjährige Tochter ein „das kann ich nicht“-Verhalten an den Tag legt und mir zeigt, dass sie aufgeben will, habe ich mich schon einmal ertappt, ihr ein „nimm den Kopf hoch, du bist meine Tochter!“ an den Kopf zu donnern. Liebevoll, aber…

Ja, sie ist meine Tochter, worauf wir beide stolz sind. Aber sie ist nicht ich! Sie ist sie selbst und darf genau so sein, wie sie eben ist. Was eines Tages aus ihr werden wird, weiß niemand. Es wird spannend sein, ihr bei ihrem Weg zuzusehen und Hilfestellung zu geben. Das, was sich jede Tochter wünscht: den eigenen Weg finden, sich finden.

Wie gelingt das?

Eine Mutter ist in erster Linie eine Frau. Bevor sie das wurde, war sie schon Tochter. Tochter ihrer Mutter und damit mittendrin in einer komplizierten Generationenfolge. Kompliziert, weil jede Mutter eine Tochter ist, die eine Mutter hat. Damit lebt jede Frau ihr Leben, geprägt von der eigenen Mutter.

Um meine Ausführungen nicht zu abstrakt werden zu lassen, erzähle ich ein wenig von meiner eigenen Familie: Meine Mutter wurde 1942 geboren. Als klassisches Kriegskind wuchs sie während des Aufbaus und des Wirtschaftswunders auf. Leider weiß ich von dieser Zeit über meine Mutter wenig. Über die Kindheit während des Krieges und den Hunger schon eher.

Meine Großmutter, die meine Mutter prägte, ist 1917 geboren. Ebenfalls ein Kriegskind. Als junge Mutter hat sie den zweiten Weltkrieg erlebt und überlebt. Kämpfte für und mit ihrer Familie ums Überleben. Soweit der Hintergrund.

Was wissen wir über das Frauenbild der 60er Jahre?

Eine junge Frau ging nach dem Schulabschluss selten studieren, lernte „was Solides“ und heiratete. Die Brautmütter gaben ihren Töchtern genau das mit auf den Weg, was sie selbst gelernt hatten: Sei eine gute Ehefrau und später eine gute Mutter. „Kinder, Kirche, Küche“ war nicht nur in katholischen Haushalten, wie dem von meiner Großmutter, das Lebensmotto.

Rebellen (zum Beispiel Twiggy) sahen anders aus, dachten anders und passten so nicht in das Gesellschaftbild. Wer plötzlich anders sein wollte, dies möglichst lautstark kundtat, wurde als nicht erwachsen angesehen und damit als nicht vollwertig.

Meine Mutter heiratete 1967. Die Flower-Power-Rebellenzeit hat sie im Ausland verbracht. Aber sie war ja ohnehin schon verheiratet und wenn man Feministinnen aus der Zeit Glauben schenken mag „in Ketten“.

Lange habe ich nachgedacht, ob meine Mutter in ihrem Leben vielleicht zu wenig rebellisch war? Ob sie mich gar beneidet, dass ich für mich aufstehen kann? Und obwohl meine Mutter sich bester Gesundheit erfreut, weiß ich, dass sie mir das nie beantworten wird. Aus Selbstschutz? Vielleicht.

Jede Generation färbt das, was sie an die jüngere weitergibt, ein wenig ein. Um bei meiner Familie zu bleiben und um noch bildhafter zu werden, ordne ich jeder Frauengeneration eine entsprechende Farbe zu:

Meine Oma, die der Zeit angepasst eher kühl aufwuchs, die Farbe Blau. Sie gab also ihre blauen Erfahrungen an ihre erwachsene Tochter weiter.

Meine Mutter, ihrer Mutter durch ähnliche Lebenserfahrungen recht ähnlich, schmückte ihr Leben grün aus. Mit dem Blau ihrer Mutter wurde es ein Türkisgrün.

Ich selbst bin ein Kind der 70er.

Mitten in der Flower-Power-Zeit kam ich 1974 zur Welt. Ich war von Anfang an ein Wirbelwind, ein klassischer Trotzkopf. Selbstsicherheit war mir zwar nicht in die Wiege gelegt worden, aber ich arbeitete schon früh daran und malte meine Welt auffallend rot. Wenn ich so zurückdenke, wurde ich nach der Pubertät zur Rebellin. Knallrot eben, Tupfen der früheren Generationen ließ ich kaum zu. Wurde ich damit unbequem?

Wollen uns unsere türkisgrünen Mütter in ein Bild drücken, das ihnen lieb ist? Aus Angst vor dem Anderen? Weil eine Rebellin eben nicht sein soll? Schwingt in der Ablehnung des Anderen auch eine Sehnsucht nach dem eigenen Ausbruch mit?

Wir wissen, dass sich das Leben in den vergangen Jahrzehnten stark verändert hat. Der Feminismus hat zwar noch nicht gesiegt, dennoch wirkt es in einem Land, dem eine Frau als Regierende vorsteht, so, dass Frauen alles erreichen können:

Töchter gehen selbstverständlich studieren, heiraten spät oder gar nicht und bekommen früh, spät oder gar keine Kinder. Die Karriere erfolgt vorher, parallel oder hinterher. Der Freundeskreis erstreckt sich dank Social Media weit über den nachbarschaftlichen Gartenzaun hinaus in die ganze Welt. In Kontakt bleiben und am jeweiligen Leben teilhaben, ist einfach geworden, egal wo man zu Hause ist.

Für die Frauen früherer Generationen ist das eine nicht greifbare Entwicklung. Sie denken anders, weil sie es so gelernt haben. Sie haben blaue Tupfen in ihr Grün bekommen. Wie hätten sie etwas anderes weitergeben können?

Zurück zu unserer Familie: Meine letzte rebellische Handlung war, meine Haare kurz zu schneiden und mir bunte Strähnchen machen zu lassen. Zur Erinnerung, ich bin 40, nicht 12. Ich bezeichne mich selbst als bunt und laut. Nicht, weil ich eine kräftige Stimme habe, obwohl das so ist. Sondern weil ich gern im Mittelpunkt stehe. Einfach mittendrin. Ich gehe nicht gern in der Masse unter.

Diese Grundeinstellung, die ich an mir als Tochter und Frau liebe, macht mir als Mutter Angst. Vor vier Jahren wurde ich Mutter eines zauberhaften kleinen Mädchens. Ihre Farbe ist gelb, ein strahlendes Gelb.

Sie wird eines Tages in die Welt hinaus gehen und den Farbtupfer, den sie von mir und den früheren Generationen mitbekommen hat, in ihre eigene Farbe mischen. Ich hoffe, dass ihr Gelb das Strahlen dadurch nicht verlieren wird, dass es nicht zu sehr verfärbt.

Ich werde mich dafür zurücknehmen müssen. Als Mutter, nicht als Frau. Denn ich lebe mein Leben weiter, genieße es in vollen Zügen.

Als Mutter werde ich versuchen, meiner Tochter so viel Raum zu geben, wie sie für ihre Entwicklung braucht. Damit ihre eigene Farbe weiter leuchtet!

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