Zauberhafter Mädchengarten

Unser Garten ist toll. Neuerdings hat er eine Jungen- und eine Mädchenseite und das kam so.
Wir wohnen in einem freistehenden Haus und man kann drum herum laufen. Auf der einen Seite sind Terrasse und Garten, auf der anderen Haustür und Vorgarten. An den Seiten befinden sich unsere Holzschuppen und die Stellplätze, auf der anderen herrlich blühende Stauden und Sträucher sowie kleine Bäume. Diese Seite ist der Mädchengarten.
Da im Jungengarten das Spiel größtenteils verboten ist, wird der Mädchengarten zum Abenteuerspielplatz umgebaut. Mit einfachsten Mitteln. So haben wir seit kurzem dort eine Schneckenrennstrecke, ein Strassenkreiden-Atelier, eine Duft- und Zauberecke mit Wunschblüten und einen Märchenwald.
Dass mir als Erwachsene der Zutritt in die einzelnen Ecken verwehrt wird, stimmt mich leicht wehmütig. Neid ist mir fern, aber ein Hauch Eifersucht schwebt doch in der Luft. Eifersüchtig darauf, dass meine Kinder auf der Mädchenseite – oder sollte ich „Märchenseite“ sagen? – in andere Welten abtauchen und dort vor allem Unheil und Bösem geschützt sind.

Das war nicht immer so und kostete uns Eltern einiges an Überredungskünsten. Noch vor kurzer Zeit wurden „Angriffe der Killerblumen“ mit Stöcken und Ninja-Brüllern erfolgreich abgewehrt. 

Inzwischen darf ich zumindest wieder die äußere Hülle unseres Gartens betrachten und versuchen zu erahnen, worin sich meine Kinder am ehesten verlieren.
In Zeiten wie diesen, in denen im Auto, tagsüber und bei den Mahlzeiten im Radio schrecklichsten Nachrichten gelauscht wird, bin ich doppelt dankbar für die beiden Seiten unseres Gartens und darüber, dass die Mädchenseite immer stärker besucht ist.
Auf der Jungenseite übrigens, in der erlaubten Zone, wird lautstark mit den Trettraktoren gefahren und gern gegen unsichtbare Mächte gekämpft.
In der Hoffnung, dass Bedrohungen für meine Kinder noch lange nicht sichtbar werden, werde ich gerne für Nachschub an Strassenkreide sorgen und geduldig Hosen und Shirts flicken, die sie sich im Märchenwald kaputt gerissen haben.

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Warum schlank?

Wir sind, so wie wir sind, perfekt; wir alle.

Der Tag, an dem meine Tochter aus dem Kindergarten nach Hause kam und sagte, „ich haben keinen Hunger, denn ich will schlank sein“, wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Dieser Satz, von mir befürchtet, von mir gefürchtet.Ich wusste, dass wir als Eltern und vor allem ich als Mutter damit eines Tages konfrontiert werden würde, dass es aber so früh sein musste.

Mein Herz schlug schneller und mein Mund wurde trocken. Dafür füllten sich meine Augen mit Tränen. Tränen, die ich schnell runterschluckte. Auch das Zittern in meiner Stimme versuchte ich zu überwinden. Zu sehr berührte mich das Gesagte. „Ich will schlank sein…“ Was steckte dahinter? Ein unüberlegter Satz einer anderen Kindergartenmami? Oder der einer Erzieherin? War mir was dazu herausgerutscht?

Ich arbeite als Ernährungsberaterin und bin gerade selbst am Abnehmen. Das Wort „schlank“ vermeide ich bewusst um meiner Kinder Willen. Zur Zeit betreue ich keine anderen Abnehmwilligen, und lebe nicht offensichtlich Diät, so dass meine Kinder keine direkte Berührung damit haben. Nun dieser Satz, trotzdem. Und ich weiß nicht woher.

Ich habe das Thema bei meiner Tochter nicht weiter angesprochen. Eine kurze Erklärung, dass sie wunderschön ist und genau so, wie sie ist, perfekt, reichte erst einmal.Mir hängt er immer noch nach und er veranlasste mich, in meiner direkten Umgebung und meiner Familie zu recherchieren: Woher kommt besonders bei Mädchen dieser Gedanke? Warum sind schon die Kleinsten figurbewusst?

Eine zufällige Recherche über ein eigentlich anderes Thema brachte zunächst Licht ins Dunkel: für ein Buch las ich Briefe meiner Oma an meine Mutter, als diese jung verheiratet war. Weitere Gespräche mit meiner Mutter und meiner Oma sowie mit anderen Frauen aus diesen Generationen machten deutlich, dass es uns Frauen irgendwie in die Wiege gelegt wurde: „Wie kommst du mit der Figur zurecht?“, „Eine gute Ehefrau achtet auf ihre Figur“, usw.

Als mir das klar wurde, war ich zuerst wütend. In Gedanken ging ich meine Kindheit und meine Jugend durch. Mit entsprechendem Erfolg. Ohne anzuklagen kann ich sagen, dass meine Mutter mir ein „Schlank-Denken“ anerzogen hat, das in mehreren Diäten endete. Meine Mutter hat es so von ihrer Mutter und der damaligen Gesellschaft gelernt. Sie wusste es nicht besser.
Dafür dass meine Tochter anders aufwachsen wird, werde ich kämpfen. Nicht nur deswegen habe ich nach langen Jahren im Büro in einem Fernstudium Ernährungsberatung studiert.

Den Spagat zwischen gesunder Ernährung, einem gesunden Körpergefühl und nicht lebensfähigen, überschlanken und stark geschminkten Minipuppen, die von kleinen Mädchen geliebt werden, zu schaffen, ist nicht immer leicht. Aber er lohnt.
Auch fällt es nicht immer leicht, stark übergewichtige Mitmenschen nicht wertend zu be(tr)achten. Dabei sind sie ebenso normal wie wir; etwas, das uns unsere Kinder lehren.

Als Umkehrschluss könnte man nun sagen: „werdet wie die Kinder“ und ja, da ist was dran. Denn Kinder wissen, was ihr Körper braucht, damit sie gesund bleiben. Und Kinder entscheiden über Sympathie und Antipathie nicht über das Äußere. Helfen wir unseren Kindern, diese beiden Fähigkeiten zu bewahren und bitten wir sie, sie uns zu lehren, auf dass wir werden, wie die Kinder.


Mehr zu mir als Ernährungsberaterin könnt ihr hier nachlesen: http://blog.iss-dich-gesund.eu/

Manchmal ist Mami nicht schön

Ich habe die schönste Mami auf der Welt. Sie singt wie ein Engel und lacht zauberhafter und ansteckender als die Sonne.
Nur manchmal, da ist meine Mami nicht schön. Dann singt und lacht sie nicht, da ist sie nicht geduldig und sie liest nichts vor, sie malt dann nichts und bäckt auch nicht ihre wundervollen Kuchen; manchmal, da schreit sie. Sie schreit nicht gern, aber manchmal passiert es eben. Sie sagt, sie weiß nicht, warum sie schreit. Sie versucht, es mir zu erklären, erzählt mir dann ziemlich verworrene Geschichten, die ich nicht verstehe. Dabei weiß ich, warum sie schreit. Ich sehe es in ihren sonst so wundervoll strahlenden Augen, ich lese es ihrem sonst so schönen Gesicht. Wenn sie schreit, schreit ihr ganzer Körper mit. In ihren Augen ist der ganze Schmerz zu sehen, den sie herausschreit, ihre ganze Angst. In ihrem  Gesicht steht das blanke Entsetzen und schrecklich viel Wut.

Als ich noch kleiner war, habe ich gedacht, dass ich Schuld daran bin, dass Mami schreit. Oft war es, weil ich mich nicht angezogen habe oder mein Zimmer nicht aufräumen wollte. Das fand sie gar nicht gut und wurde immer lauter, ganz schnell. So schnell, dass ich das Gefühl hatte, sie würde gleich explodieren. Vielleicht war es auch so. Irgendetwas in ihr ist explodiert und tut es noch, wenn sie plötzlich lauter wird. Dann kommt alles hoch, alle Sorgen und Ängste, vor allem die.

Meine Mami hat mir mal gesagt, sie hätte Angst, keine gute Mutter zu sein. Das habe ich lange nicht verstanden. Sie ist doch eine gute Mutter. Genau so wie sie ist.

Dann hat sie gesagt, sie möchte besser sein. Besser als wer weiß ich nicht, denn ich kenne niemanden, der besser ist als meine Mami. Sie ist einfach toll!

Ihr solltet ihr mal zuhören, wenn sie Geschichten erzählt. Einfach so, besonders mitten in der Nacht, wenn ich aufgewacht bin und statt schlafen plötzlich spielen möchte. Da fallen ihr die tollsten Geschichten ein mit Feen und Trollen, mit Drachen und Einhörnern, mit Hexen und Zauberern, mit Pferden, mit Sternschnuppen und Regenbogen, mit allem, was ihr euch vorstellen könnt. Keine Geschichte erzählt sie zweimal und immer wieder geht es gut aus in den Geschichten. Ob sie heimlich ein Geschichtebuch auswendig gelernt hat?

Sie hat die tollsten Ideen und Einfälle, so dass wir nie Langeweile haben. Nicht mal, wenn es regnet. Manchmal gehen wir extra bei Regenwetter raus und springen über Pfützen, manchmal auch hinein, dass es nur so spritzt. Dass meine Mami keine Regenstiefel hat, stört sie dabei nicht. Sie lacht dann mit mir um die Wette. Hinterher werfen wir immer noch lachend unsere nassen Sachen in die Waschmaschine und genießen, wieder aufgewärmt, leckeren Kuchen.

Von ihren Kuchen kann ich genauso wenig genug bekommen wie von ihr selbst. Denn backen kann sie fast am besten.

Wenn es mir nicht gut geht, ist sie den ganzen Tag an meiner Seite. Immer wieder und mit einer Engelsgeduld liest sie das gleiche Buch vor. Jedes Mal mit verstellter Stimme und ganz spannend. Sie kann das wie keine andere.

Wenn sie nicht mehr lesen möchte, singt sie. Sie singt für mich seit meiner Geburt. Ein Lied kenne ich schon aus meinen ersten Tagen. Sie singt es immer noch und immer wieder wunderschön. Sie hat die schönste Stimme, die ich kenne. Ich bin mir sicher, dass Engel im Himmel nicht schöner singen können.

Das, was sie am allerbesten kann, ist Mami sein. Sie gibt mir Halt, wenn ich weine oder müde bin. Wenn ich mich freue, drückt sie sich ganz fest an mich und meine Freude steckt sie an, da bin ich sicher. Dann strahlt sie über das ganze Gesicht und ihre Augen funkeln. Dann sagt sie, dass sie auf mich stolz ist, so dass mein Bauch anfängt zu kribbeln vor Freude und wir uns noch mehr drücken.

In meinen Augen ist sie perfekt, genauso wie sie ist.

Sie hat immer wieder Angst, dass das nicht reicht, dass sie mehr machen muss. Das habe ich immer wieder gehört, wie sie es zu anderen gesagt hat. Schon als ich klein war. Was sie damit meinte, habe ich nicht verstanden, denn wer kann denn noch mehr als meine Mami?

Manchmal vergisst sie, was sie alles kann und wie gut sie alles kann und dann bekommt sie Angst und sie wird laut. Ich weiß, dass es nichts mit mir zu tun hat und ich weiß auch, dass sie es nicht böse meint. Hinterher weint sie oft, was auch mir weh tut. Ich hoffe, dass ihre Angst irgendwann weg geht, dass sie sieht, dass sie die beste Mami auf der Welt ist, die ich liebe, 50 mal um die Erde, achtmal um den Mond und wieder zurück.