Warum schlank?

Wir sind, so wie wir sind, perfekt; wir alle.

Der Tag, an dem meine Tochter aus dem Kindergarten nach Hause kam und sagte, „ich haben keinen Hunger, denn ich will schlank sein“, wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Dieser Satz, von mir befürchtet, von mir gefürchtet.Ich wusste, dass wir als Eltern und vor allem ich als Mutter damit eines Tages konfrontiert werden würde, dass es aber so früh sein musste.

Mein Herz schlug schneller und mein Mund wurde trocken. Dafür füllten sich meine Augen mit Tränen. Tränen, die ich schnell runterschluckte. Auch das Zittern in meiner Stimme versuchte ich zu überwinden. Zu sehr berührte mich das Gesagte. „Ich will schlank sein…“ Was steckte dahinter? Ein unüberlegter Satz einer anderen Kindergartenmami? Oder der einer Erzieherin? War mir was dazu herausgerutscht?

Ich arbeite als Ernährungsberaterin und bin gerade selbst am Abnehmen. Das Wort „schlank“ vermeide ich bewusst um meiner Kinder Willen. Zur Zeit betreue ich keine anderen Abnehmwilligen, und lebe nicht offensichtlich Diät, so dass meine Kinder keine direkte Berührung damit haben. Nun dieser Satz, trotzdem. Und ich weiß nicht woher.

Ich habe das Thema bei meiner Tochter nicht weiter angesprochen. Eine kurze Erklärung, dass sie wunderschön ist und genau so, wie sie ist, perfekt, reichte erst einmal.Mir hängt er immer noch nach und er veranlasste mich, in meiner direkten Umgebung und meiner Familie zu recherchieren: Woher kommt besonders bei Mädchen dieser Gedanke? Warum sind schon die Kleinsten figurbewusst?

Eine zufällige Recherche über ein eigentlich anderes Thema brachte zunächst Licht ins Dunkel: für ein Buch las ich Briefe meiner Oma an meine Mutter, als diese jung verheiratet war. Weitere Gespräche mit meiner Mutter und meiner Oma sowie mit anderen Frauen aus diesen Generationen machten deutlich, dass es uns Frauen irgendwie in die Wiege gelegt wurde: „Wie kommst du mit der Figur zurecht?“, „Eine gute Ehefrau achtet auf ihre Figur“, usw.

Als mir das klar wurde, war ich zuerst wütend. In Gedanken ging ich meine Kindheit und meine Jugend durch. Mit entsprechendem Erfolg. Ohne anzuklagen kann ich sagen, dass meine Mutter mir ein „Schlank-Denken“ anerzogen hat, das in mehreren Diäten endete. Meine Mutter hat es so von ihrer Mutter und der damaligen Gesellschaft gelernt. Sie wusste es nicht besser.
Dafür dass meine Tochter anders aufwachsen wird, werde ich kämpfen. Nicht nur deswegen habe ich nach langen Jahren im Büro in einem Fernstudium Ernährungsberatung studiert.

Den Spagat zwischen gesunder Ernährung, einem gesunden Körpergefühl und nicht lebensfähigen, überschlanken und stark geschminkten Minipuppen, die von kleinen Mädchen geliebt werden, zu schaffen, ist nicht immer leicht. Aber er lohnt.
Auch fällt es nicht immer leicht, stark übergewichtige Mitmenschen nicht wertend zu be(tr)achten. Dabei sind sie ebenso normal wie wir; etwas, das uns unsere Kinder lehren.

Als Umkehrschluss könnte man nun sagen: „werdet wie die Kinder“ und ja, da ist was dran. Denn Kinder wissen, was ihr Körper braucht, damit sie gesund bleiben. Und Kinder entscheiden über Sympathie und Antipathie nicht über das Äußere. Helfen wir unseren Kindern, diese beiden Fähigkeiten zu bewahren und bitten wir sie, sie uns zu lehren, auf dass wir werden, wie die Kinder.


Mehr zu mir als Ernährungsberaterin könnt ihr hier nachlesen: http://blog.iss-dich-gesund.eu/

Advertisements

10 Gedanken zu “Warum schlank?

  1. Silke

    Liebe Silke, ja tue bitte alles, damit der Schlankheitswahn nicht deine Tochter befällt. In deinen wie immer sehr gut geschriebenen Artikel stimmt meiner Erfahrung nach nur eins nicht, das Kinder Sympathie und Antipathie nicht über das Äußere definieren. Ich glaube, das stimmt nur bei sehr kleinen Kindern. Warum sonst werden Kinder, sobald sie in die Schule gehen gemoppt, wenn sie zu dick sind oder zu arm, um sich „richtig“ zu kleiden. Aber auch hier sind wir als Erwachsene sehr gefordert, den Kindern das richtige Vorbild zu sein. Denn natürlich diskriminieren wir täglich auf diese Art und Weise, selbst wenn es nur im Kopf stattfindet. Lass uns versuchen, alle! Vorverurteilungen über Bord zu werden. Das macht bestimmt auch viel mehr Spaß, weil man viel mehr Menschen als Bereicherung erleben kann. Liebe Grüße und bitte fleißig weiterschreiben!

    Gefällt mir

    1. Danke für das Lob!

      Ja, leider sind Schulkinder schon sehr geprägt durch uns Eltern, das ist das was ich mit dem Satz über meine eigene Kindheit meinte.
      In der Hoffnung, dass wir es besser machen!

      Gefällt mir

  2. „Denn Kinder wissen, was ihr Körper braucht.“ Genau! Und das, was deine Tochter gesagt hat, war nicht „ich esse nicht, weil ich schlank sein will“. Ihr Satz begann mit „ich habe keinen Hunger“.

    Gefällt mir

      1. Es ist schockierend. Gerade in unserer eigentlich emanzipierten Welt sollte man meinen, dass Frauen sich nicht mehr auf das Äußere reduzieren lassen bzw. ein generelles Umdenken in dem Bereich stattgefunden hat. Stattdessen machen die Mädels immer jünger Diäten, stehen viel früher unter Druck, werden an Gewicht, Kleidergröße und anderen vernichtenden Zahlen gemessen.

        Gefällt mir

      2. Das ist sicherlich nicht das Thema. Von „Diät“ spricht hier niemand.
        Wie es weiter im Artikel steht, sind Kinder in der Regel frei davon.

        Mit Emanzipation hat das wenig zu tun. Jungs sind da nicht anders.

        Gefällt mir

      3. Ich meinte damit auch eher, dass es nicht von irgendwoher kommt, dass ein Kind sagt: „Ich will schlank sein.“ Die Frage ist vielleicht, was damit verbunden wird.

        Gefällt mir

      4. Ich weiß, woher sie das hatte, möchte das aber nicht diskutieren. Denn nicht meine Tochter ist hier das Thema, sondern generell unsere Kinder und wir als Eltern.

        Gefällt mir

      5. Ich wollte auch nicht auf deine Tochter hinaus. Eigentlich wollte ich mit meinem ersten Kommentar nur sagen, dass ich es noch relativ unkritisch finde, solange Kinder ihre Bedürfnisse voranstellen. Sie hat mit einem Bedürfnis argumentiert, weil sie sagte, sie habe keinen Hunger. Schätze, wir haben uns falsch verstanden. Nichts für ungut, wollte dir nicht zu nahe treten.

        Gefällt mir

      6. Bist du nicht 🙂

        Und ja, wir haben uns wohl falsch verstanden, da das ja nicht ihr Thema war – und auch nicht das des Artikels.
        Darüber habe ich in meinem anderen Blog ausführlich geschrieben.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s