Die Kinderschublade

Gehört dein Sohn auch zu den Hochbegabten? Ist deine Tochter besonders musisch veranlagt und wird Mozart bald in den Schatten stellen? Nein?
Ich glaube schon. Auch dein Kind „liegt“ in einer Schublade, der Kinderschublade.

Wir Eltern neigen dazu, unseren Kindern einen imaginären Stempel aufzudrücken. Sie in Schubladen zu stecken. Das kann mal hilfreich, meist aber hinderlich oder sogar gefährlich sein. Warum tun wir das, obwohl wir die damit verbundenen Gefahren kennen? Sind wir so fest gefahren in diesen Gesellschaftsmustern, dass wir nicht anders können? Wollen wir uns, nachdem wir es selbst nicht geschafft haben, durch die Kinder von anderen abheben? Weil wir uns nur durch die Kinder definieren?

Bleiben wir beim Kinderschubladen-Schrank und betrachten ihn uns einmal genau: Pro Kind gibt es eine Schublade. Die Schubladen sind mal klein, mal groß, je nachdem, wie wir unser Kind sehen, wie wir es wahrnehmen und wieviel Raum wir ihm geben.

Welche Schublade hat dein Sohn? Welche deine Tochter?
Ist sie innen verkleidet oder einfach aus Holz? Hat sie einen gepolsterten Boden oder nur Schrankpapier? Wie sieht sie von außen aus? Schon Macken dran vom ständigen auf- und zu schieben? Klemmt sie manchmal? Vielleicht ist die Schubladenfront schon einmal repariert worden und man sieht die kleinen Nägel; schaut einer davon raus, so dass man ihn spürt, wenn man über die Oberfläche streicht? Wie sieht der Griff aus? Ein Holzknopf oder ein Messingbeschlag? Ist das Holz noch rau, oder blank poliert, weil du ihn immer wieder in die Hand nimmst?

Tritt einmal einen Schritt zurück und werfe einen Blick neben den Kinderschubladen-Schrank:
Ja, euer Eltern-Schrank steht daneben.
Ganz schön groß, oder?

Unser Eltern-Schrank ist ein Doppeltürer mit gleich großen Türen, die nie ganz zu sind. Vielleicht ist zu viel drin, vielleicht ist auch eine Tür verzogen oder sie klemmt etwas. Hat schon einige Macken der Schrank, aber er ist immer noch schön anzusehen.
In dem Schrank, durch die Türen geschützt vor Negativem, das von außen kommen könnte, ist ein Regal. Wenige Bretter, die viel Raum lassen.

Betrachten wir die beiden Möbel zusammen, stellt sich mir eine Frage:
Werden aus Schubladen-Kindern Schrank-Menschen? Wie?
Wie wird man ein Schrank-Mensch?

In unserer heutigen Gesellschaft hat sich im Vergleich zum Ende des letzten Jahrhunderts, in dem viele von uns aufgewachsen sind, die Geschwindigkeit vervielfacht: schnellere Autos, Flugzeuge, Nachrichtenübermittlungen; wir selbst gehen schneller, kommunizieren mit der ganzen Welt immer und überall. Auch unsere Gedanken und Handlungen wollen schneller sein. Die Folgen davon sind bekannt.

Unseren Kindern leben wir also eine Überholspur vor, auf der immer die besten vorne sind. Allem Anschein nach ist „vorne“ immer erstrebenswert, vielleicht ist „hinten“ die Luft schlechter.
Demzufolge bekommt unser Kind ein „Prädikat“ von uns ausgestellt, das nicht weniger als „sehr gut“ heißen darf. Wir stecken es in eine Kinderschublade, beschriften sie stolz mit Leuchtschrift, so dass es jeder sehen kann.
Als gute Helikopter-Eltern verschließen wir die Schublade sicher und öffnen sie nur selten.

Wird man so ein Schrank-Mensch?
Haben unsere Kinder in einer engen Schublade den Raum, sich zu entfalten?

In einer Geschichte von Leo N. Tolstoi, (Die drei Söhne) wird eine andere Sichtweise auf Kinder dargestellt. Das worauf es ankommt: Mensch sein. Alles andere tritt in den Hintergrund oder wird unsichtbar, weil es schlicht unwichtig ist.

Was bedeutet das für uns Eltern?
Da haben wir nun dieses wundervolle Wesen bekommen, in das wir so viele Hoffnungen setzen. Hoffnungen? Welche?

Die größte Hoffnung, die wir in die Geburt eines kleinen Kindes setzen sollten und dürfen ist, dass das Kind gesund ist und gesund bleibt; dass es zu einem glücklichen Menschen heranwächst und dass es ein Teil einer friedlichen Gesellschaft wird.

Wir Eltern bekommen damit eine Mammutaufgabe. Wir sind schon vor der Geburt verantwortlich für die Gesundheit und das Wesen des kleinen Menschen. Später wird es uns nachahmen – in allem, was wir tun. Wollen wir also, dass wir ein glückliches, ausgeglichenes Kind haben, müssen wir es vorleben.

Eine Hochbegabung oder besondere Begabung kann man nicht vorleben. Aber sie ist auch nicht wichtig. Nicht wichtig dafür, dass ein Kind gesund, glücklich und friedlich aufwächst.

Leeren wir also unseren Kinderschubladen-Schrank und räumen ihn weg. Da Ausmisten im Trend liegt, dürfte uns das nicht schwer fallen.

Statt Schubladen reichen offene Regale. Keine Sorge vor zuviel Staub, Kinder sind immer in Bewegung, da sammelt sich nicht viel an. Aber wir sehen sie so auch besser. Und sie sind freier, können sich besser entfalten.

Aus Regal-Kindern können so später Schrank-Menschen werden. Wenn sie sich Türen bauen wollen. Welche aus Holz oder Glas, bunte Vorhänge aus Stoff oder durchsichtige Perlenvorhänge. Türen, die nie ganz geschlossen sind, weil zu viel drin ist im Schrank, weil sie hängen oder klemmen oder weil sie einfach ein bisschen offen stehen sollen, damit der wertvolle und besondere Mensch darin gefunden wird.

 

 

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2 Gedanken zu “Die Kinderschublade

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