Auf der Suche nach Halt

„Wir werfen kein Essen weg!“ Diese Worte klangen ihr immer noch in den Ohren. „Woanders hungern die Kinder.“ Sie hatte Hunger gesehen. Im Fernsehen, Kinder, deren Bäuche vor Hunger geschwollen waren. Kinder mit großen Augen, in denen Sehnsucht zu lesen war, Sehnsucht nach innerem und äußerem Frieden; Sehnsucht nach Nahrung und Geborgenheit.

Geborgenheit… auch sie sehnte sich danach. Lechzte förmlich nach einer Halt gebenden Hand. Die ihr ehrlich gereicht wurden, sah sie nicht, waren sie doch kleiner als die, die sie in eine Welt führen wollte, in die sie nicht hingehörte. Mit einer kräftigen Stimme leiteten sie die großen Hände weit weg von ihren bisherigen Träumen. Die Stimmen der kleinen Hände waren zu leise, sie hörte sie nicht.

 „Wir werfen kein Essen weg!“ Da war es wieder, als sie allein in ihrer Küche stand und die Nudeln im kochenden Wasser umrührte. „Das Nudelgericht reicht für zwei“, dachte sie, „reicht noch für morgen“. Und dann nahm sie den Löffel, aß nach dem ersten Teller noch ein bisschen, dann noch etwas und dann – war es auch schon egal. Die Soße war so lecker, die Nudeln auf den Punkt. Der Topf war leer.

 „Wir werfen kein Essen weg!“ „Stimmt“, dachte sie, „ist eh so lecker“. Und dann freute sie sich auf den Nachtisch, der im Kühlschrank wartete und die Tüte Chips im Wohnzimmerschrank. „Verwöhntag“, dachte sie und lächelte, nur heute. Morgen nur noch eine halbe Portion. 

Am nächsten Tag bereitete sie sich Brote für die Pause bei der Arbeit vor. Die Gedanken bei dem gestrigen Abend. Das Völlegefühl war immer noch da. Scham stieg in ihr auf und sie schnitt die Scheiben dünner. Noch etwas Rohkost dazu, lecker.

Als sie am Nachmittag in den wohlverdienten Feierabend ging, knurrte ihr der Magen. Die Kollegen hatten es vorher schon gehört. Seitdem kreisten die Gedanken ums Essen. „Was habe ich noch zuhause?“, dachte sie und stieg ins Auto. Ihre Gedanken kreisten nur ums Essen. In sich hineinhorchend, worauf sie Appetit habe, fuhr sie an ihrer Wohnung vorbei zum nächsten Supermarkt. „Mmh, Pizza, oder doch eine TK-Lasagne? Besser Nudeln selbst kochen? Aber das dauert so lange, ich habe jetzt Hunger!“, so murmelte sie vor sich hin. Der Einkaufswagen füllte sich schnell. Allerlei Leckeres lud sie ein paar Minuten später in Kühl- und Gefrierschrank. Dann konnte sie sich nicht entscheiden, was sie jetzt essen sollte. Sie bekam Angst. Angst, nicht richtig satt zu werden. Und dann noch einmal Angst, dass andere ihr das ansehen würden. „Was hat die Kassiererin wohl vorhin gedacht? Ich war doch erst gestern… Nein, die Gedanken schnell wieder beiseite. Ich habe Hunger.“ Ihre Zerissenheit ließ sie nicht mehr klar denken.

 Während die Pizza im Ofen bräunte, klingelte das Telefon. Er war dran. Er mit der starken Hand, er mit der kräftigen Stimme; er, der ihr vermeintlich Halt gab. Glückselig lauschte sie seiner Stimme. Der einzige, die sie gerade verstand. Verstand, dass sie einsam war. Von ihrem Hunger erzählte sie nichts. „Was ist auch schon dabei, mal eine Pizza zum Abendbrot zu essen?“

Sie schaltete den Ofen aus, das Telefonat würde länger dauern. „Ihn vertrösten? Niemals. Er wäre sicher sauer und würde gehen.“ Dann wäre sie wirklich allein. 

Nachdem er ihr einen schönen Abend gewünscht hatte, schaltete sie den Ofen wieder an und den Fernseher. Dann deckte sie ihren Tisch vor dem Fernseher. 

„Lecker, die Pizza“, dachte sie, „richtig lecker. Nur ein bisschen klein. Noch Nachtisch da?“ Ein Schokopudding sollte es sein und für den Film am Abend hatte sie sich Butterkekse und ihre Lieblingsschokolade gekauft. Die große Tafel, im Angebot. Ein paar Erdnuss Flips waren auch noch da, der Abend war gerettet.

Am nächsten Morgen wieder die Scham, wieder das Völlegefühl. Im Bad stand die Waage. „Puh, ob ich es wage. Vielleicht mit Augen zu? Blödsinn, kann ja nicht so schlimm sein…“

Es vergingen Tage, es vergingen Wochen. Ihre Gedanken kreisten ums Essen. Sie gab nach, immer. Niemand gebot ihrem Handeln Einhalt.

Er schien es nicht zu bemerken. An den Wochenenden, an denen er bei ihr war, genoss sie den Halt, den sie bei ihm fand. Es war ein trügerischer Halt, aber das merkte sie nicht. Sie stumpfte ab, auch in der Beziehung. Die anfänglichen Schmetterlinge waren schnell verflogen und ereignislose Alltagsroutine legte sich schwer auf die noch junge Beziehung. Die Wochenenden waren schon lange kein Feuerwerk mehr. Sie unternahmen immer das gleiche. Mit Überraschungen hatte er schnell aufgehört und auch sie strengte ihre Fantasie nicht an. 

Inmitten der Alltagsroutine begann er sich zu wandeln. Sie konnte nicht mehr sagen, wann es begonnen hatte. Wenn sie sich mit seinen Freunden trafen, trank er mehr als üblich und flirtete mit anderen Frauen. Sie wurde ignoriert oder gar erniedrigt. „Wer bist du denn schon?“

Den nötigen Trost und Halt fand sie in ihrer Wohnung, in ihrer Küche, bei ihrem Essen. Sie war in einen teuflischen Strudel geraten, aus dem sie nicht mehr alleine herauskam. Aber sie sah es nicht und andere auch nicht und aß immer weiter.

Die letzten Tage ihrer Beziehung waren geprägt von Demütigungen, Kälte und Ignoranz. Ihren beinahe unstillbaren Hunger hatte sie nicht mehr verbergen können und es schien fast, als ob er sie deswegen abstoßend fand.

„Sieh in den Spiegel und sag mir, was du siehst.“

Ein neuer Freund, der sie sehr mochte, rüttelte sie wach. Trotz ihres inzwischen veränderten Äußerem erkannte sie plötzlich, was ihre vermeintliche Liebe aus ihr gemacht hatte; erkannte, dass er versucht hatte, sie zu brechen.

Sie sah weiter in den Spiegel und betrachtete ihre Augen. Einst strahlend blau und leidenschaftlich leuchtend, jetzt stumpf und fast grau. Statt zu weinen wurde sie wütend, schrecklich wütend. Sie zitterte am ganzen Körper und ballte ihre Fäuste. Aus der Wut wurde Kampfgeist. 

Sie war endlich bereit, dieser Frau im Spiegel das zurück zu holen, was sie verloren hatte: die Leidenschaft für sich selbst. Tief in ihrem Innern war noch die starke Frau, die sie früher gewesen war. Sie merkte endlich, dass sie ganz alleine stark war, dass sie keine anderen brauchte, um aufzustehen. Und sie stand auf – und ging.

Sie verließ den, der sie hatte ändern wollen; den, der seine Launen an ihr ausließ; den, der sie einsperrte. Sie verließ ihn und war frei.

Mit der Erkenntnis und ihrer wieder gewonnenen Stärke verschwand auch ihr scheinbar unstillbarer Hunger so plötzlich wie er gekommen war.

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