Verborgene Welt

Sie fand sich plötzlich in einem fremden Raum wieder. Wie war sie dorthin gekommen? Warum war sie hier?

Sie hörte – nichts. Kein einziges Geräusch drang von draußen herein. Selbst ihre eigenen Schritte wurden von dem Raum verschluckt. Ein beklemmendes Gefühl stieg in ihr hoch.

Sie sah sich um. Nur wenige graue Möbel, kein Schmuck, die Wände grau. In einer Ecke schlug die Tapete Falten. Sie ging näher und sah unter dem stillen grau ein zartes rosa durchblitzen.

„Wo bin ich nur?“ fragte sie sich,

„wer wohnt hier?“

Die grauen Möbel erzählten keine Geschichte. Kein Flüstern, dass aus gelebten Kratzern hätte kommen können.

Sie ging zum Fenster und erschrak: ihr Blick fiel auf eine Mauer, wieder grau. 

„Woher kommt das Licht?“ fragte sie sich. 

Sie blickte nach oben, aber eine Lampe sah sie nicht.

Verstört setzte sie sich auf den kalten Fußboden. 
Ihr fiel wieder die rosa Wand ein, die unter der Tapetenfalte hervorblitzte. „Wenn ich jetzt…“, sie zögerte. Dann stand sie langsam auf.

Ihr Blick schweifte umher. „Welche Ecke war es nochmal? Die sind alle faltig.“ Unschlüssig schaute sie von einer zur anderen. Immer wieder. „Ich werde noch ganz schwindelig!“ Sie schloss die Augen. „Da!“ Plötzlich hörte sie ein Kinderlachen. Leise, aber es war da. Sie riss die Augen auf. „Hallo?“ Was war mit ihrer Stimme los? Hatte sie gesprochen? „Hallo, ist da jemand?“ Nichts, kein Nachhall ihres Rufes. Oder hatte sie die Worte nur gedacht? „Was ist das hier für ein komischer… da, wieder das Kinderlachen.“

Sie lief zu der Ecke hin, aus der es kam. „Oder“, dachte sie nur, „wenn das nicht die richtige Ecke war“ Nein, da war sie, die Falte, die Lücke in der Tapete, das Rosa. Sie zögerte wieder, atmete tief durch und löste vorsichtig die ersten Zentimeter. Dann wurde sie mutiger und ergriff mit beiden Händen die Tapete und zog kräftig. 
Sie glaubte ihren Augen kaum. Was sie da zu sehen bekam, war schöner als in ihren Träumen; der Anblick war bezaubernd:

Vor ihr erbot sich ein Bild einer längst vergessenen Welt, einer längst vergessenen Zeit. „Was ist das?“sie brauchte einige Zeit, bis sie verstand, was sie da sah, verstand, warum sie es sah.

Sie entfernte die gesamte Tapetenbahn und ging einen Schritt auf die Wand zu. Aber da war keine Wand mehr. Das vermeintliche Bild war keines, sondern vor ihr begann plötzlich ein Weg in einen zauberhaften Garten. Sie wagte den ersten Schritt und lauschte verzückt dem Kies, der unter ihren Schuhen knirschte. „Oh wie schön“, jauchzte sie und machte einen kleinen Hüpfer. Sie ging weiter und sah auf einer Lichtung eine Schaukel stehen, die hin und her schwang. Schnell wollte sie wissen, wer denn da schaukelte, als sie wieder das Kinderlachen hörte. Ihr Herz machte einen kleinen Satz. Die Stimme kannte sie. „Wer ist das?“ fragte sie sich und ihre Schritte wurden schneller. Als der Weg eine Biegung machte, hielt sie noch einmal kurz inne und blickte zurück. Das Zimmer verblasste wie eine unbedeutende Erinnerung. Zufrieden ging sie weiter, wurde wieder schneller, das Lachen lauter. Als sie um die Ecke gebogen war und die Lichtung einsehen konnte, wusste sie plötzlich, wer das kleine Mädchen war, das sie gehört hatte. Sie war erleichtert und sehr glücklich.

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