Das Christkind war da

Erwartungsvoll und voller Neugier versuchen die Zwillinge Magdalena und Martin einen Blick in das Wohnzimmer zu erhaschen. Keine Chance, Papi macht sich extra groß und gibt den perfekten Türsteher.

„Wo ist eigentlich Mami?“

„Da, es raschelt, und da….- hast du es gehört? Ist das Christkind da?“ Die kleine Magdalena hüpft aufgeregt auf und ab. Ihre Augen leuchten mit den Kerzen am Weihnachtsbaum um die Wette. Die Kerzen, die sie immer noch nicht sieht. 

Ihr Bruder gibt sich betont gelassen, kann aber sein vor Spannung glühendes Gesicht nicht verbergen. 

„Da! Schon wieder! Sollte das etwa…? Kann das sein? Das Christkind?“ 

„Und wo ist Mami?“
Der Vater der beiden knipst lächelnd ein paar Erinnerungsfotos. Das ist ein tolles Weihnachtsfest, denkt er und schmunzelt, als er an die Überraschungen für die Kinder denkt, die unter dem Baum auf sie warten.
„Papi, hörst du es nicht?“ Martin wird nun doch ungeduldig und schiebt die Schwester beiseite. „Da, Papi! Papi!“
Dieser öffnet endlich die Tür und gibt den Blick auf das Weihnachtliche Wohnzimmer frei. Aus dem Radio klingen englische Weihnachtslieder, es duftet nach Lebkuchen und Plätzchen. Der Vater blickt sich um: Die Zwillinge stehen immer noch wie angewurzelt in der Tür und wollen sich nicht so recht hineintrauen. Da erklingt es noch einmal: das Weihnachtsglöckchen. 

Schon stürmen die beiden los und werfen sich ihren Eltern in die Arme. „Frohe Weihnachten!“

Alle vier strahlen sich an und für die Großen ist sicher: ja, das Christkind war da.

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Zuversicht 

Manchmal möchte ich einfach nur weinen, dann sitze ich da und fühle mich leer, bin leer. Wenn die Tränen nicht fließen können, fühle ich mich zu voll, im Kopf der mir bekannte und mich bedrückende Bahnhof der Gedanken und Bilder; der Grund, warum ich anfing zu schreiben. Weil alles rausmuss, einfach raus. Damit es im Kopf wieder freier wird, damit die Gedanken ihr Ziel finden, damit die Tränen fließen können.

Vor ein paar Tagen hätte ich diese Zeilen mit „Zerrissenheit“ überschrieben. Das trifft es ganz gut und doch wieder nicht. Während ich das hier schreibe, ist der Kopf voll. Ich schreibe schnell, damit nicht gleich wieder ein anderer Gedanke im Kopf-Bahnhof vorbeizuhuscht, der nächste, der den, der zuende geschrieben werden möchte, überdeckt, ihn damit undenkbar macht. 
Ich befinde mich unter einer Gedanken-Glocke, denke ich oft. Von Außen nach innen durchlässig, anders herum nicht. Was hereinkommt bleibt, oft lange. Manchmal unbemerkt, manchmal sofort sichtbar, vieles unerwünscht. Die Gedanken sind mit Gefühlen vermischt, alten und neuen. Gefühlen, Ängsten, Sorgen, aber auch positiven Kribbelgefühlen.
Seit ich Mutter bin, ist der Bahnhof wieder da. Mal lauter, mal leiser. Mal ein ruhiger Kleinstadtbahnhof, mal der Hauptknotenpunkt in einer Grossstadt. Mal befreiend, wenn ich die Gedankenzüge abfahren sehe, mal erdrückend, wenn viele Züge anhalten und viele Gedanken aussteigen, mal beängstigend, wenn besonders laute Gedanken immer wieder vorbeirasen, dabei zu schnell sind, um ergriffen zu werden.
Während ich das hier schreibe – und ich schreibe es ganz schnell – wechselt das Bild in meinem Kopf: aus dem lauten Grossstadtbahnhof wird der ruhige Kleinstadtbahnhof, dessen Gleise von Bäumen und Sträuchern eingerahmt sind. Die Vögel sind zu hören, dort sogar das Rufen eines Kindes nach einem Eis. Ich sehe einen Schmetterling über die Gleise flattern. Welchen Weg wird er einschlagen? Soll ich ihn warnen? Kann ich ihn beschützen? „Ich muss loslassen“, denke ich und lehne mich auf der Wartebank zurück. Langsam huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Ein heilendes Lächeln, das ich bewahren möchte. Ein Lächeln, das zu dem Kleinstadtbahnhof gehört, durch den nur selten ein Zug rauscht. Ein Bahnhof, an dem die meisten Züge halten; gerade so viele, wie ich es zulasse.
Ich halte das Lächeln mit meiner Handykamera fest und stecke es in meine Tasche. So trage ich es immer bei mir, was auch geschieht.
Ich kann es immer wieder hervorholen und ansehen. Wer angelächelt wird, lächelt zurück…. ich werde daran denken.

Brief an meine Tochter, die nicht auf die Welt kommen durfte

Sie jährt sich schon wieder, die aufregende Zeit, in der du klitzeklein in unser Leben getreten warst. Noch ohne Namen und ohne Geschlecht, aber du warst da. Wenige Wochen bist du dann bei uns geblieben, bevor wir dich gehen lassen mussten. Ein Abschied, der mir immer noch nachgeht.

In diesem Jahr wärst du im Kindergarten zu einem „Wackelzahn“ geworden, einem Vorschulkind. Dein Geburtstag wäre um Weihnachten gewesen, in diesem Jahr der sechste. Bestimmt hättest du eine Zahnlücke und Rattenschwänzchen. Vielleicht würdest du Kleider lieben und in ihnen durch unser Haus tanzen.

Dein Lachen würde dieses Haus noch heller machen. Noch heller. Denn in unserem Haus ist kein Grund zur Sorge oder Traurigkeit. Deine beiden Geschwister bringen uns zum Strahlen und machen uns glücklich.

Allein dieser kleine Gedanke an dich. Ein kleiner Gedanke, der immer wieder kommt, jedes Jahr.

Lange haben dein Vater und ich uns Kinder gewünscht. Lange wurde der Wunsch nicht erfüllt, bis wir uns Hilfe holten. Hilfe, die in deinem Fall Segen und Fluch war. Segen, weil ich für wenige Wochen schwanger sein durfte, Fluch, weil ich es so früh wusste und dich schon gesehen hatte. Die Hoffnung war so groß. Und wurde früh zerstört.

An dem Tag, an dem unser behandelnder Arzt uns bestätigte, dass dein kleines Herzchen aufgehört hatte, zu schlagen, blieb die Welt für einen Moment stehen und hielt den Atem an. In mir starb ein kleines bisschen; in mir und von mir. Ich konnte nicht aufhören zu weinen und die Frage nach dem „warum“ war zermürbend.

Auch das Wissen oder die Ahnung, dass es dir nicht gut ging und es dir jetzt besser geht, hat mir am Anfang nur wenig geholfen. Du warst meine erste Hoffnung, Mami zu werden.

An die Tage nach der letzten Untersuchung in der Klinik kann ich mich nur vage erinnern. Ich war in eine Art „Koma“ gefallen, funktionierte einfach. Dein Vater war hilflos und natürlich ebenfalls getroffen; wenn auch er damit besser umgehen konnte. Als alles vorbei war und ich wieder aus dem Krankenhaus kam, verabschiedeten wir uns noch einmal still von dir. Nur dein Vater und ich.

Am Ufer des Kanals standen wir und hielten eine weiße Rose aus unserem Garten. Gemeinsam ließen wir sie los und sahen ihr nach. In dem Augenblick wurde mir die Endlichkeit dieses Abschieds noch einmal deutlich. Es zerriss mir fast das Herz und ich weinte, weinte.

Ich habe viele Tränen um dich vergossen, habe weiter nach der Antwort für das „warum“ gesucht und sie nicht bekommen. Ich werde sie nicht bekommen, weil es keine gibt.

Lange war unsere Familienrunde am Esstisch unvollständig und ist es noch, wenn auch nur noch in meinem Herzen. Es schmerzt nicht mehr so sehr. Inzwischen ist der Wunsch danach, diesen leeren Platz noch zu besetzen auch verschwunden. Du würdest es nicht sein und einen Ersatz wollte ich nicht.

Deine Geschwister sind unser größtes Glück und machen uns viel Freude. Wir sind dankbar, dass wir sie bekommen haben und sie haben uns zu einer glücklichen Familie gemacht.

Eines Tages werde ich ihnen von dir erzählen und ihnen sagen, dass sie noch eine Schwester hatten. Eine Schwester, die immer noch einen Platz in meinem Herzen hat und es immer haben wird.

Pass gut auf uns auf, mein Engelchen. Deine Mami

Vergangene Kindheitsträume

„Gerade Nikolaus gab es immer etwas besonderes“, erzählt mein Vater gerne. 

Als mein Vater ein kleiner Junge war, war die Adventszeit nicht weniger spannend: gerade der Nikolaustag bot jedes Jahr eine leckere Überraschung, die den Kleinen in solchen Tagen nicht oft zuteil wurde. Mein Vater ist ein sogenanntes „Kriegskind“, der einen Teil seiner Kindheit auf dem Bauernhof seiner Großmutter verbrachte. Diese versorgte die ganze Familie unter anderem mit selbst gebackenem Brot (einer Passion, die ich von ihr geerbt habe, aber das nur am Rande). Damals war Roggen günstig zu haben, Auszugsmehl selten erschwinglich, so dass es in der Regel kräftige Roggenvollkornbrote gab. Weißbrot, womöglich noch aus Weizenmehl, war eine seltene Köstlichkeit, die nur zu besonderen Anlässen genossen werden durfte und konnte. Ein ebensolcher Anlass war das Nikolausfest, zu dem die Großmutter meines Vaters für die Kinder „Weckmänner“ buk; Nikolausmänner aus Hefeteig mit Augen aus Rosinen. 

Meinem Vater läuft auch heute noch, rund siebzig Jahre danach, das Wasser im Mund zusammen, wenn er daran denkt.
„In einem Jahr aber, der Krieg war vorbei, da gab es“, so erzählt mein Vater immer wieder gerne mit stets leuchtenden Augen, „einen Nikolaus aus Schokolade. So klein war er“ und deutet dabei etwa 10 cm Länge mit Daumen und Zeigefinger an, „aber es war für uns Kinder das Größte“. Er erinnert sich noch an die glänzende Verpackung und den Schokoladengeruch. Dabei lächelt mein Vater und dann fällt ein leichter Schatten über das Gesicht meines Vaters. 

„Was war ich enttäuscht, als ich die Verpackung öffnete und seelig in den Nikolaus biss.“ Ich lächle, denn ich kenne die Geschichte. Und jedes Mal spüre ich die Enttäuschung, die mein Vater damals gespürt haben muss. „Er war hohl“, sagt mein Vater mit leicht traurigem Blick. „Er war ganz dünnwandig und hohl“, es klingt, als könne er es nach all den Jahren immer noch nicht fassen. „Ich dachte immer, diese Nikoläuse wären massiv.“ Mein Vater zuckt mit den Schultern und ich nehme mir jedes Jahr vor, ihm eines Tages einen massiven Nikolaus zu schenken.