Vergangene Kindheitsträume

„Gerade Nikolaus gab es immer etwas besonderes“, erzählt mein Vater gerne. 

Als mein Vater ein kleiner Junge war, war die Adventszeit nicht weniger spannend: gerade der Nikolaustag bot jedes Jahr eine leckere Überraschung, die den Kleinen in solchen Tagen nicht oft zuteil wurde. Mein Vater ist ein sogenanntes „Kriegskind“, der einen Teil seiner Kindheit auf dem Bauernhof seiner Großmutter verbrachte. Diese versorgte die ganze Familie unter anderem mit selbst gebackenem Brot (einer Passion, die ich von ihr geerbt habe, aber das nur am Rande). Damals war Roggen günstig zu haben, Auszugsmehl selten erschwinglich, so dass es in der Regel kräftige Roggenvollkornbrote gab. Weißbrot, womöglich noch aus Weizenmehl, war eine seltene Köstlichkeit, die nur zu besonderen Anlässen genossen werden durfte und konnte. Ein ebensolcher Anlass war das Nikolausfest, zu dem die Großmutter meines Vaters für die Kinder „Weckmänner“ buk; Nikolausmänner aus Hefeteig mit Augen aus Rosinen. 

Meinem Vater läuft auch heute noch, rund siebzig Jahre danach, das Wasser im Mund zusammen, wenn er daran denkt.
„In einem Jahr aber, der Krieg war vorbei, da gab es“, so erzählt mein Vater immer wieder gerne mit stets leuchtenden Augen, „einen Nikolaus aus Schokolade. So klein war er“ und deutet dabei etwa 10 cm Länge mit Daumen und Zeigefinger an, „aber es war für uns Kinder das Größte“. Er erinnert sich noch an die glänzende Verpackung und den Schokoladengeruch. Dabei lächelt mein Vater und dann fällt ein leichter Schatten über das Gesicht meines Vaters. 

„Was war ich enttäuscht, als ich die Verpackung öffnete und seelig in den Nikolaus biss.“ Ich lächle, denn ich kenne die Geschichte. Und jedes Mal spüre ich die Enttäuschung, die mein Vater damals gespürt haben muss. „Er war hohl“, sagt mein Vater mit leicht traurigem Blick. „Er war ganz dünnwandig und hohl“, es klingt, als könne er es nach all den Jahren immer noch nicht fassen. „Ich dachte immer, diese Nikoläuse wären massiv.“ Mein Vater zuckt mit den Schultern und ich nehme mir jedes Jahr vor, ihm eines Tages einen massiven Nikolaus zu schenken.

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