Brief an meine Tochter, die nicht auf die Welt kommen durfte

Sie jährt sich schon wieder, die aufregende Zeit, in der du klitzeklein in unser Leben getreten warst. Noch ohne Namen und ohne Geschlecht, aber du warst da. Wenige Wochen bist du dann bei uns geblieben, bevor wir dich gehen lassen mussten. Ein Abschied, der mir immer noch nachgeht.

In diesem Jahr wärst du im Kindergarten zu einem „Wackelzahn“ geworden, einem Vorschulkind. Dein Geburtstag wäre um Weihnachten gewesen, in diesem Jahr der sechste. Bestimmt hättest du eine Zahnlücke und Rattenschwänzchen. Vielleicht würdest du Kleider lieben und in ihnen durch unser Haus tanzen.

Dein Lachen würde dieses Haus noch heller machen. Noch heller. Denn in unserem Haus ist kein Grund zur Sorge oder Traurigkeit. Deine beiden Geschwister bringen uns zum Strahlen und machen uns glücklich.

Allein dieser kleine Gedanke an dich. Ein kleiner Gedanke, der immer wieder kommt, jedes Jahr.

Lange haben dein Vater und ich uns Kinder gewünscht. Lange wurde der Wunsch nicht erfüllt, bis wir uns Hilfe holten. Hilfe, die in deinem Fall Segen und Fluch war. Segen, weil ich für wenige Wochen schwanger sein durfte, Fluch, weil ich es so früh wusste und dich schon gesehen hatte. Die Hoffnung war so groß. Und wurde früh zerstört.

An dem Tag, an dem unser behandelnder Arzt uns bestätigte, dass dein kleines Herzchen aufgehört hatte, zu schlagen, blieb die Welt für einen Moment stehen und hielt den Atem an. In mir starb ein kleines bisschen; in mir und von mir. Ich konnte nicht aufhören zu weinen und die Frage nach dem „warum“ war zermürbend.

Auch das Wissen oder die Ahnung, dass es dir nicht gut ging und es dir jetzt besser geht, hat mir am Anfang nur wenig geholfen. Du warst meine erste Hoffnung, Mami zu werden.

An die Tage nach der letzten Untersuchung in der Klinik kann ich mich nur vage erinnern. Ich war in eine Art „Koma“ gefallen, funktionierte einfach. Dein Vater war hilflos und natürlich ebenfalls getroffen; wenn auch er damit besser umgehen konnte. Als alles vorbei war und ich wieder aus dem Krankenhaus kam, verabschiedeten wir uns noch einmal still von dir. Nur dein Vater und ich.

Am Ufer des Kanals standen wir und hielten eine weiße Rose aus unserem Garten. Gemeinsam ließen wir sie los und sahen ihr nach. In dem Augenblick wurde mir die Endlichkeit dieses Abschieds noch einmal deutlich. Es zerriss mir fast das Herz und ich weinte, weinte.

Ich habe viele Tränen um dich vergossen, habe weiter nach der Antwort für das „warum“ gesucht und sie nicht bekommen. Ich werde sie nicht bekommen, weil es keine gibt.

Lange war unsere Familienrunde am Esstisch unvollständig und ist es noch, wenn auch nur noch in meinem Herzen. Es schmerzt nicht mehr so sehr. Inzwischen ist der Wunsch danach, diesen leeren Platz noch zu besetzen auch verschwunden. Du würdest es nicht sein und einen Ersatz wollte ich nicht.

Deine Geschwister sind unser größtes Glück und machen uns viel Freude. Wir sind dankbar, dass wir sie bekommen haben und sie haben uns zu einer glücklichen Familie gemacht.

Eines Tages werde ich ihnen von dir erzählen und ihnen sagen, dass sie noch eine Schwester hatten. Eine Schwester, die immer noch einen Platz in meinem Herzen hat und es immer haben wird.

Pass gut auf uns auf, mein Engelchen. Deine Mami

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4 Gedanken zu “Brief an meine Tochter, die nicht auf die Welt kommen durfte

  1. Ich habe Tränen in den Augen! So bewegend und emotional. Ich glaube, jede Frau, die dieses Schicksal teilt,kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, diesen kleinen leeren Platz im Herzen zu haben…. ich drück dich unbekannterweise!

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  2. anli

    …die Tränen kullern…
    ja, sie werden immer einen Platz in unserem Herzen haben – unsere Sternenkinder, die wir leider nie in die Arme schliessen konnten…
    und ja, es wird wohl immer so bleiben das ich weinen muss, wenn ich mich auf die Gedanken, Texte, Lieder, Musik einlasse…
    …fühl dich unbekannterweise gedrückt

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