Sehn-Sucht, wie es begann

Der erste Tag, an dem ich Zuviel aß, war ein Tag, wie jeder andere. Er war weder besonders laut oder leise, besonders wild oder ruhig, besonders traurig oder lustig gewesen. Es war einfach ein ganz normaler Tag. Es hatte auch nichts besonderes zu Essen gegeben. Es war einfach lecker wie immer.Nach dem ersten Teller war mein Bauch eigentlich schon satt, meine Seele aber noch nicht und deswegen gab es noch eine zweite Portion, die dann wieder so gut schmeckte, dass es noch eine dritte sein musste und eine vierte.

Danach war ich betäubt. Mein ganzer Körper war unfähig, sich zu bewegen. Ich spürte nichts, keine Scham, keine Reue, kein Wohlbefinden. Mir war auch nicht schlecht, ich war einfach nur betäubt. Mit diesem Gefühl blieb ich lange sitzen. Völlig regungslos. Ich merkte nicht, dass mein Körper begann, gegen diese Übermenge zu rebellieren, spürte nicht die kolikartigen Bauchschmerzen. Ich spürte auch nicht, wie mir langsam die Tränen übers Gesicht rannen, noch wusste ich, warum sie es taten. Es dauerte lange, bis ich wieder zu mir kam. Sehr lange. Es war wie ein Auftauchen aus einem tiefen Brunnen. Ich schnappte nach Luft und fing wieder an, mich zu spüren. Langsam kam das Leben in meinen Körper zurück und es war alles wieder da. Alles, was mich die letzten Tage so beschäftigt hatte. Mir wurde schlecht vor Angst und ich stand auf und ging in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank und nahm alles, was ich finden konnte. Erste Bissen machte ich noch bei offener Kühlschranktür. Ich wollte wieder hinabtauchen in den Brunnen, in die Leere, die Sorglosigkeit.

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