Zauberhafter Rückweg, aus „Unser Leben mit Clothilde Krähenschnabel“

Bis heute kannte ich Clothilde Krähenschnabel nicht. Bis heute morgen als sie zwischen Haarknoten und aufssteigendem Trotz meiner sechsjährigen Tochter einfach in unser Badezimmer plumpste. Da war sie plötzlich da mit ihrem knallbunten und schillerndem Kleid. Sie brachte uns sofort zum Lachen und alles wurde leichter. Wir hoffen, sie bleibt noch lange bei uns.

Clothilde Krähenschnabel kommt von weit her. Woher genau hat sie uns nicht verraten. Ob sie es jemals tun wird, wissen wir nicht. Aber ein kleines Geheimnis sei auch ihr gegönnt.
Als Clothilde mitten zwischen die Haarknoten und den aufsteigenden Trotzanfall plumpste, hat sie uns ganz schön überrascht. Und sie hat unseren Tag gleich viel lustiger und bunter gemacht: statt zum Auto zu gehen, mit dem Gedanken noch beim warmen Bett, sind wir gehüpft, alle drei. Zur nicht mehr trotzenden Sechsjährigen gehört noch ein sehr quirliger Zwillingsbruder. 
Meine Kinder, Magdalena und Martin sind sehr unterschiedlich und ich bin noch nicht sicher, wie mein Sohn auf Clothilde reagieren wird. Noch weiß er nicht, dass sie plötzlich bei uns eingezogen ist. Martin ist Realist und naturwissenschaftlich interessiert. Wir nennen ihn liebevoll „Herr Professor“. Magdalena ist ein „Fantasiemensch“, wie sie selbst sagt, ein Mädchen, das Geschichten und Rollenspiele liebt. Für sie könnte Clothilde zu einer Freundin werden, für meinen Sohn zur Herausforderung und für mich? Das bleibt abzuwarten.
Am Nachmittag holen Clothilde Krähenschnabel und ich die Kinder vom Kindergarten ab. Clothilde ist gleich in ihrem Element, sie taucht sofort ein in die bunte Kinderwelt, in der Erwachsene nur Randfiguren sind.

Auf dem Nachhauseweg strecken wir unsere Gesichter der Wintersonne entgegen und freuen uns über die Glitzerwelt, die der Frost uns bereitet hat. Dank Clothilde Krähenschnabel wird der Weg kürzer und ebener. Normalerweise müssen wir zuerst einen Berg hinunter und dann wieder eine steilen Weg bergauf gehen. Diesmal nicht. Was sonst bergab geht, schlängelt sich heute durch eine Glitzer-Winterwelt, die wir vorher noch nie gesehen haben. 

Woher kommen überhaupt diese ganzen Kurven? 

„Danke Clothilde Krähenschnabel!“ ruft mein Sohn und ich blicke verwundert auf. Clothilde lächelt nur und senkt leicht den Kopf wie zu einer Verbeugung. „Bitte, Martin. Und warte ab, was hinter der nächsten Biegung auf dich wartet.“ Martins Augen leuchten mit den Eiskristallen auf der Wiese um die Wette. 

Woher kommt diese Wiese?

„Dürfen wir vorlaufen, Mami?“ fragt Martin und fasst seine Schwester an die Hand. Ich erlaube mir einen Seitenblick zu Clothilde und versuche dann ein ebenso gütiges und liebevolles Lächeln samt Verbeugung. Ob es mir gelungen ist? Das Strahlen der Kinder spricht jedenfalls Bände und mit einem „Danke“ laufen sie los. 

Clothilde und ich gehen schweigend nebeneinander her und ich hänge ein wenig meinen Gedanken nach. Ob Clothilde wirklich zaubern kann? Die Kinder hat sie jedenfalls verzaubert und mich auch ein bisschen. Ich bemerke, dass ich immer noch lächle und freue mich darüber. Schönes Gefühl.

Ich schaue meinen Kindern nach, die wie zwei junge Rehe im Frühling den Weg entlang hüpfen. Die nächste Biegung haben sie längst erreicht. Ob da wirklich etwas besonderes wartet? Ich blicke zur Seite und sehe auch Clothilde lächeln. Sie lächelt mich direkt an und nickt leicht. Fast ein wenig anerkennend. Ich hoffe, Clothilde Krähenschnabel bleibt noch ganz lange bei uns.

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