Wie alles begann

*Das erste Mal möchte ich einen Beitrag jemandem widmen. Diesen hier meiner Freundin Alex und meiner Tochter.

Danke, dass ihr ein Teil meines Lebens seid.*

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Zora klopfte zuerst an meine Tür, da war ich nicht mal fünf. Zu gern habe ich sie herein gelassen und dank ihr wurde ich zu der Rampensau, die ich immer sein wollte. Ich bewunderte sie sehr.

Zora kam immer wieder zu Besuch, ein starkes, rothaariges Mädchen mit reichlich Sommersprossen. Bei uns eingezogen ist sie nie. Ist wohl zu sehr Freigeist, die Zora.

Mit Zora erlebte ich die wildesten Abenteuer. Sie war es, die mich mit voller Wucht in den selbst gebauten Bach-Staudamm schubste. Lachend saß ich in etwa 50 cm tiefem und eiskaltem Wasser und freute mich. Worüber? Ich weiß es nicht, aber die Erinnerung daran verursacht ein herrliches Bauchkribbeln. 

Ein andermal hielt mir Zora das Fahrrad, auf dem ich plötzlich eine Standwaage machte. Mein Fahrrad war rosa Metallic mit weißem Lenker und rotem Lenkerband. So richtig Mädchen. Auf diesem Rad stand ich nun, besser gesagt auf dem Gepäckträger, und hob das rechte Bein hinten hoch, oder war es das linke? Zora fuhr neben mir und wir sausten nur so die Straße hinunter, dass unseren Nachbarn beinahe das Herz stehen blieb. Wir beide lachten aus vollem Hals und genossen den Wind in unseren Haaren. Zora in ihren roten, ich in meinen blonden.

Wenn Zora mal wieder ihren eigenen Weg ging, baute ich keine Staudämme, stieg nicht auf Bäume oder spielte Voltigieren auf meinem Fahrrad-Pferd. Wenn Zora nicht bei mir war, verkroch ich mich in mein kleines Schneckenhaus und wartete ab bis sie wiederkam. 
Mein Schneckenhaus war innen übrigens viel größer als draußen: Innen gab es mehrere Räume, es gab reichlich Spielsachen, viele Puppen und unendlich viele Bücher. Mir war auch nie langweilig in meinem Schneckenhaus, obwohl ich dort immer alleine war. Ich war mir selbst genug in dem Häuschen und bin es heute noch, auch wenn sich innen inzwischen einiges geändert hat.

Manchmal trug ich mein Schneckenhaus auch hinaus in die Welt, wenn auch nicht immer freiwillig. Aber ich war ein Schulkind geworden und konnte mich nicht einfach so lange verstecken, bis Zora wiederkam. In die Schule kam Zora am Anfang nie. Wahrscheinlich stand deswegen in meinem ersten Zeugnis „sie spricht noch zu leise“. Mich störte das erst einmal nicht. Ich machte das, was ich sollte und hielt mich im Hintergrund.

Eines Tages stand sie aber dann doch da, mitten auf dem Schulhof. Und sie war wütend, richtig wütend. Die ganze Zora zitterte und die kleinen Fäuste waren so fest geballt, dass man die weißen Knöchel sehen konnte. Was war geschehen?

Als ich Zora fragen wollte, bekam ich einen Stoß und knallte mit dem Kopf gegen einen der Blumenkübel im Flur. Bei mir gingen erst einmal die Lichter aus und alle Geräusche um mich herum verschwammen zu einem Gemurmel.

Als ich wieder zu mir kam, war Zora verschwunden. Ich verstand die Welt nicht mehr und schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Ich schluckte die Tränen…. etwas in mir schloss mit einem Lächeln die Tür zu meinem Schneckenhaus ab. Etwas in mir. War das Zora? In mir drehte sich alles und mein Kopf brummte. Zu einem klaren Gedanken war ich nicht fähig. 

Jemand reichte mir einen Eisbeutel und rief meine Mutter an. Mit Brummschädel verbrachte ich den Nachmittag auf unserem Sofa. Am nächsten Tag zeigte mein blaues und geschwollenes Auge, dass etwas anders war als sonst. Was genau, habe ich bis heute niemandem erzählt.

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Schwarz-weiß Pepita

… Bin ich das oder kann das weg?

Ich sehe an mir hinunter und sehe nur schwarz und weiß. Klein gemustert, wenn auch nicht klein kariert. Schwarz-weiß und glockig ist der Rock, den ich heute zum Feiertag trage. Habe ihn mir heute morgen einfach gegriffen, weil er zu meinen schwarzen Schuhen passt. Dazu – völlig bieder – ein Rollkragenpullover. Den aktuellen Temperaturen angepasst, leider ohne jegliche Passform, auch wenn die Farbe stimmt: beere. Wie meine Walkhausschuhe, die den größten Stilbruch darstellen. Aber sie sind der Garant für warme Füße.

Zurück zum Rock, der sich dank seiner glockigen Bahnen auf der Couch breit macht. Nicht nur da übrigens, bemerke ich gerade.

Im Sitzen reicht der Rock nurmehr bis zum Knie. Ganz schön gewagt in meiner Größe. 

Schwarz-weiß Pepita. Ein Überbleibsel von der einstigen Karriere-Businessfrau, die ich mal war. Pepita…. darf das bleiben? 

Seit einiger Zeit gehört klassischer Büroalltag nicht mehr zu meinem Alltag. Die meisten Büro-Outfits wurden nach und nach aus meinem Kleiderschrank verdrängt.
Schwarz-weiß-Pepita. Soll es bleiben? Ist schon ein bisschen kleinkariert und irgendwie ganz schön eng, das Muster. Eng und klein.
Im Laufe unseres Lebens verändern wir uns immer wieder, streben mal in die eine, mal in die andere Richtung.

So war ich bisher immer wieder unschlüssig, wenn es um den Verbleib dieses Rockes ging. Auch ganz schön kleinkariert diese Gedanken. 

Damit ist es besiegelt: schwarz-weiß Pepita darf gehen. Darf eine neue Richtung einschlagen, eine andere als ich.

Sehn-Sucht, wie es begann

Der erste Tag, an dem ich Zuviel aß, war ein Tag, wie jeder andere. Er war weder besonders laut oder leise, besonders wild oder ruhig, besonders traurig oder lustig gewesen. Es war einfach ein ganz normaler Tag. Es hatte auch nichts besonderes zu Essen gegeben. Es war einfach lecker wie immer.Nach dem ersten Teller war mein Bauch eigentlich schon satt, meine Seele aber noch nicht und deswegen gab es noch eine zweite Portion, die dann wieder so gut schmeckte, dass es noch eine dritte sein musste und eine vierte.

Danach war ich betäubt. Mein ganzer Körper war unfähig, sich zu bewegen. Ich spürte nichts, keine Scham, keine Reue, kein Wohlbefinden. Mir war auch nicht schlecht, ich war einfach nur betäubt. Mit diesem Gefühl blieb ich lange sitzen. Völlig regungslos. Ich merkte nicht, dass mein Körper begann, gegen diese Übermenge zu rebellieren, spürte nicht die kolikartigen Bauchschmerzen. Ich spürte auch nicht, wie mir langsam die Tränen übers Gesicht rannen, noch wusste ich, warum sie es taten. Es dauerte lange, bis ich wieder zu mir kam. Sehr lange. Es war wie ein Auftauchen aus einem tiefen Brunnen. Ich schnappte nach Luft und fing wieder an, mich zu spüren. Langsam kam das Leben in meinen Körper zurück und es war alles wieder da. Alles, was mich die letzten Tage so beschäftigt hatte. Mir wurde schlecht vor Angst und ich stand auf und ging in die Küche. Ich öffnete den Kühlschrank und nahm alles, was ich finden konnte. Erste Bissen machte ich noch bei offener Kühlschranktür. Ich wollte wieder hinabtauchen in den Brunnen, in die Leere, die Sorglosigkeit.

Zuversicht 

Manchmal möchte ich einfach nur weinen, dann sitze ich da und fühle mich leer, bin leer. Wenn die Tränen nicht fließen können, fühle ich mich zu voll, im Kopf der mir bekannte und mich bedrückende Bahnhof der Gedanken und Bilder; der Grund, warum ich anfing zu schreiben. Weil alles rausmuss, einfach raus. Damit es im Kopf wieder freier wird, damit die Gedanken ihr Ziel finden, damit die Tränen fließen können.

Vor ein paar Tagen hätte ich diese Zeilen mit „Zerrissenheit“ überschrieben. Das trifft es ganz gut und doch wieder nicht. Während ich das hier schreibe, ist der Kopf voll. Ich schreibe schnell, damit nicht gleich wieder ein anderer Gedanke im Kopf-Bahnhof vorbeizuhuscht, der nächste, der den, der zuende geschrieben werden möchte, überdeckt, ihn damit undenkbar macht. 
Ich befinde mich unter einer Gedanken-Glocke, denke ich oft. Von Außen nach innen durchlässig, anders herum nicht. Was hereinkommt bleibt, oft lange. Manchmal unbemerkt, manchmal sofort sichtbar, vieles unerwünscht. Die Gedanken sind mit Gefühlen vermischt, alten und neuen. Gefühlen, Ängsten, Sorgen, aber auch positiven Kribbelgefühlen.
Seit ich Mutter bin, ist der Bahnhof wieder da. Mal lauter, mal leiser. Mal ein ruhiger Kleinstadtbahnhof, mal der Hauptknotenpunkt in einer Grossstadt. Mal befreiend, wenn ich die Gedankenzüge abfahren sehe, mal erdrückend, wenn viele Züge anhalten und viele Gedanken aussteigen, mal beängstigend, wenn besonders laute Gedanken immer wieder vorbeirasen, dabei zu schnell sind, um ergriffen zu werden.
Während ich das hier schreibe – und ich schreibe es ganz schnell – wechselt das Bild in meinem Kopf: aus dem lauten Grossstadtbahnhof wird der ruhige Kleinstadtbahnhof, dessen Gleise von Bäumen und Sträuchern eingerahmt sind. Die Vögel sind zu hören, dort sogar das Rufen eines Kindes nach einem Eis. Ich sehe einen Schmetterling über die Gleise flattern. Welchen Weg wird er einschlagen? Soll ich ihn warnen? Kann ich ihn beschützen? „Ich muss loslassen“, denke ich und lehne mich auf der Wartebank zurück. Langsam huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Ein heilendes Lächeln, das ich bewahren möchte. Ein Lächeln, das zu dem Kleinstadtbahnhof gehört, durch den nur selten ein Zug rauscht. Ein Bahnhof, an dem die meisten Züge halten; gerade so viele, wie ich es zulasse.
Ich halte das Lächeln mit meiner Handykamera fest und stecke es in meine Tasche. So trage ich es immer bei mir, was auch geschieht.
Ich kann es immer wieder hervorholen und ansehen. Wer angelächelt wird, lächelt zurück…. ich werde daran denken.

Vergangene Kindheitsträume

„Gerade Nikolaus gab es immer etwas besonderes“, erzählt mein Vater gerne. 

Als mein Vater ein kleiner Junge war, war die Adventszeit nicht weniger spannend: gerade der Nikolaustag bot jedes Jahr eine leckere Überraschung, die den Kleinen in solchen Tagen nicht oft zuteil wurde. Mein Vater ist ein sogenanntes „Kriegskind“, der einen Teil seiner Kindheit auf dem Bauernhof seiner Großmutter verbrachte. Diese versorgte die ganze Familie unter anderem mit selbst gebackenem Brot (einer Passion, die ich von ihr geerbt habe, aber das nur am Rande). Damals war Roggen günstig zu haben, Auszugsmehl selten erschwinglich, so dass es in der Regel kräftige Roggenvollkornbrote gab. Weißbrot, womöglich noch aus Weizenmehl, war eine seltene Köstlichkeit, die nur zu besonderen Anlässen genossen werden durfte und konnte. Ein ebensolcher Anlass war das Nikolausfest, zu dem die Großmutter meines Vaters für die Kinder „Weckmänner“ buk; Nikolausmänner aus Hefeteig mit Augen aus Rosinen. 

Meinem Vater läuft auch heute noch, rund siebzig Jahre danach, das Wasser im Mund zusammen, wenn er daran denkt.
„In einem Jahr aber, der Krieg war vorbei, da gab es“, so erzählt mein Vater immer wieder gerne mit stets leuchtenden Augen, „einen Nikolaus aus Schokolade. So klein war er“ und deutet dabei etwa 10 cm Länge mit Daumen und Zeigefinger an, „aber es war für uns Kinder das Größte“. Er erinnert sich noch an die glänzende Verpackung und den Schokoladengeruch. Dabei lächelt mein Vater und dann fällt ein leichter Schatten über das Gesicht meines Vaters. 

„Was war ich enttäuscht, als ich die Verpackung öffnete und seelig in den Nikolaus biss.“ Ich lächle, denn ich kenne die Geschichte. Und jedes Mal spüre ich die Enttäuschung, die mein Vater damals gespürt haben muss. „Er war hohl“, sagt mein Vater mit leicht traurigem Blick. „Er war ganz dünnwandig und hohl“, es klingt, als könne er es nach all den Jahren immer noch nicht fassen. „Ich dachte immer, diese Nikoläuse wären massiv.“ Mein Vater zuckt mit den Schultern und ich nehme mir jedes Jahr vor, ihm eines Tages einen massiven Nikolaus zu schenken.

Auf der Suche nach Halt

„Wir werfen kein Essen weg!“ Diese Worte klangen ihr immer noch in den Ohren. „Woanders hungern die Kinder.“ Sie hatte Hunger gesehen. Im Fernsehen, Kinder, deren Bäuche vor Hunger geschwollen waren. Kinder mit großen Augen, in denen Sehnsucht zu lesen war, Sehnsucht nach innerem und äußerem Frieden; Sehnsucht nach Nahrung und Geborgenheit.

Geborgenheit… auch sie sehnte sich danach. Lechzte förmlich nach einer Halt gebenden Hand. Die ihr ehrlich gereicht wurden, sah sie nicht, waren sie doch kleiner als die, die sie in eine Welt führen wollte, in die sie nicht hingehörte. Mit einer kräftigen Stimme leiteten sie die großen Hände weit weg von ihren bisherigen Träumen. Die Stimmen der kleinen Hände waren zu leise, sie hörte sie nicht.

 „Wir werfen kein Essen weg!“ Da war es wieder, als sie allein in ihrer Küche stand und die Nudeln im kochenden Wasser umrührte. „Das Nudelgericht reicht für zwei“, dachte sie, „reicht noch für morgen“. Und dann nahm sie den Löffel, aß nach dem ersten Teller noch ein bisschen, dann noch etwas und dann – war es auch schon egal. Die Soße war so lecker, die Nudeln auf den Punkt. Der Topf war leer.

 „Wir werfen kein Essen weg!“ „Stimmt“, dachte sie, „ist eh so lecker“. Und dann freute sie sich auf den Nachtisch, der im Kühlschrank wartete und die Tüte Chips im Wohnzimmerschrank. „Verwöhntag“, dachte sie und lächelte, nur heute. Morgen nur noch eine halbe Portion. 

Am nächsten Tag bereitete sie sich Brote für die Pause bei der Arbeit vor. Die Gedanken bei dem gestrigen Abend. Das Völlegefühl war immer noch da. Scham stieg in ihr auf und sie schnitt die Scheiben dünner. Noch etwas Rohkost dazu, lecker.

Als sie am Nachmittag in den wohlverdienten Feierabend ging, knurrte ihr der Magen. Die Kollegen hatten es vorher schon gehört. Seitdem kreisten die Gedanken ums Essen. „Was habe ich noch zuhause?“, dachte sie und stieg ins Auto. Ihre Gedanken kreisten nur ums Essen. In sich hineinhorchend, worauf sie Appetit habe, fuhr sie an ihrer Wohnung vorbei zum nächsten Supermarkt. „Mmh, Pizza, oder doch eine TK-Lasagne? Besser Nudeln selbst kochen? Aber das dauert so lange, ich habe jetzt Hunger!“, so murmelte sie vor sich hin. Der Einkaufswagen füllte sich schnell. Allerlei Leckeres lud sie ein paar Minuten später in Kühl- und Gefrierschrank. Dann konnte sie sich nicht entscheiden, was sie jetzt essen sollte. Sie bekam Angst. Angst, nicht richtig satt zu werden. Und dann noch einmal Angst, dass andere ihr das ansehen würden. „Was hat die Kassiererin wohl vorhin gedacht? Ich war doch erst gestern… Nein, die Gedanken schnell wieder beiseite. Ich habe Hunger.“ Ihre Zerissenheit ließ sie nicht mehr klar denken.

 Während die Pizza im Ofen bräunte, klingelte das Telefon. Er war dran. Er mit der starken Hand, er mit der kräftigen Stimme; er, der ihr vermeintlich Halt gab. Glückselig lauschte sie seiner Stimme. Der einzige, die sie gerade verstand. Verstand, dass sie einsam war. Von ihrem Hunger erzählte sie nichts. „Was ist auch schon dabei, mal eine Pizza zum Abendbrot zu essen?“

Sie schaltete den Ofen aus, das Telefonat würde länger dauern. „Ihn vertrösten? Niemals. Er wäre sicher sauer und würde gehen.“ Dann wäre sie wirklich allein. 

Nachdem er ihr einen schönen Abend gewünscht hatte, schaltete sie den Ofen wieder an und den Fernseher. Dann deckte sie ihren Tisch vor dem Fernseher. 

„Lecker, die Pizza“, dachte sie, „richtig lecker. Nur ein bisschen klein. Noch Nachtisch da?“ Ein Schokopudding sollte es sein und für den Film am Abend hatte sie sich Butterkekse und ihre Lieblingsschokolade gekauft. Die große Tafel, im Angebot. Ein paar Erdnuss Flips waren auch noch da, der Abend war gerettet.

Am nächsten Morgen wieder die Scham, wieder das Völlegefühl. Im Bad stand die Waage. „Puh, ob ich es wage. Vielleicht mit Augen zu? Blödsinn, kann ja nicht so schlimm sein…“

Es vergingen Tage, es vergingen Wochen. Ihre Gedanken kreisten ums Essen. Sie gab nach, immer. Niemand gebot ihrem Handeln Einhalt.

Er schien es nicht zu bemerken. An den Wochenenden, an denen er bei ihr war, genoss sie den Halt, den sie bei ihm fand. Es war ein trügerischer Halt, aber das merkte sie nicht. Sie stumpfte ab, auch in der Beziehung. Die anfänglichen Schmetterlinge waren schnell verflogen und ereignislose Alltagsroutine legte sich schwer auf die noch junge Beziehung. Die Wochenenden waren schon lange kein Feuerwerk mehr. Sie unternahmen immer das gleiche. Mit Überraschungen hatte er schnell aufgehört und auch sie strengte ihre Fantasie nicht an. 

Inmitten der Alltagsroutine begann er sich zu wandeln. Sie konnte nicht mehr sagen, wann es begonnen hatte. Wenn sie sich mit seinen Freunden trafen, trank er mehr als üblich und flirtete mit anderen Frauen. Sie wurde ignoriert oder gar erniedrigt. „Wer bist du denn schon?“

Den nötigen Trost und Halt fand sie in ihrer Wohnung, in ihrer Küche, bei ihrem Essen. Sie war in einen teuflischen Strudel geraten, aus dem sie nicht mehr alleine herauskam. Aber sie sah es nicht und andere auch nicht und aß immer weiter.

Die letzten Tage ihrer Beziehung waren geprägt von Demütigungen, Kälte und Ignoranz. Ihren beinahe unstillbaren Hunger hatte sie nicht mehr verbergen können und es schien fast, als ob er sie deswegen abstoßend fand.

„Sieh in den Spiegel und sag mir, was du siehst.“

Ein neuer Freund, der sie sehr mochte, rüttelte sie wach. Trotz ihres inzwischen veränderten Äußerem erkannte sie plötzlich, was ihre vermeintliche Liebe aus ihr gemacht hatte; erkannte, dass er versucht hatte, sie zu brechen.

Sie sah weiter in den Spiegel und betrachtete ihre Augen. Einst strahlend blau und leidenschaftlich leuchtend, jetzt stumpf und fast grau. Statt zu weinen wurde sie wütend, schrecklich wütend. Sie zitterte am ganzen Körper und ballte ihre Fäuste. Aus der Wut wurde Kampfgeist. 

Sie war endlich bereit, dieser Frau im Spiegel das zurück zu holen, was sie verloren hatte: die Leidenschaft für sich selbst. Tief in ihrem Innern war noch die starke Frau, die sie früher gewesen war. Sie merkte endlich, dass sie ganz alleine stark war, dass sie keine anderen brauchte, um aufzustehen. Und sie stand auf – und ging.

Sie verließ den, der sie hatte ändern wollen; den, der seine Launen an ihr ausließ; den, der sie einsperrte. Sie verließ ihn und war frei.

Mit der Erkenntnis und ihrer wieder gewonnenen Stärke verschwand auch ihr scheinbar unstillbarer Hunger so plötzlich wie er gekommen war.

One step forward…zu dir

(ein etwas anderes Gedicht)

Ich bin schon viele Schritte gegangen, 

viele Wege, viele Irrwege, die in Sackgassen endeten; 

in Schuhen oder barfuß, mal rauf, mal runter, 

mal auf Steinen, Asphalt, auf Sand, im Wasser, auf Rasen, auf Waldboden, im Schnee…
Alle Wege haben mich hierher geführt. Zu mir – zu dir.

Jetzt gehen wir gemeinsam, für den Rest unseres Lebens.

Ich liebe dich.

Mein Zuhause am Meer

Meeresrauschen, Kinderlachen, Möwen kreischen, dort klingt ein Schiffshorn, da rufen Fischer sich Kommandos zum Einholen der Netze zu. Ein Tag am Meer ist nicht nur ereignisreich, sondern auch befreiend. 

Alles wegspülen lassen von den starken Wellen. Die reine, salzige Luft befreit, vertreibt das beklemmende Gefühl im Brustkorb.

Die Abendsonne kitzelt auf der Nase, die Lippen schmecken nach Salz, nach Meer. 
Hierhin komme ich, wenn alles Zuviel ist. Am Meer bin ich geboren, hier fühle ich mich zuhause. 
„Und meine Seele rannte übers weite Watt hinaus, sprang über kleine Zäune, als flöge sie nach Haus.“
Das Meer mitnehmen war immer mein Gedanke, mein sehnlichster Wunsch. Ein Wunsch, den ich mir längst erfüllt habe. Ich konnte es nur lange nicht sehen.

Das Meer ist längst in meinem Herzen, nicht nur in meiner Erinnerung oder auf Fotos. Ich trage es in mir und höre und spüre es, wenn ich es brauche. Manchmal bedarf es einiger Anstrengung, das Rauschen zu hören, die Möwen, die Fischer. Aber wenn das Kinderlachen am Abend verklingt und auch ich zur Ruhe komme, ist es da. Trägt mich in die Ferne, die ich in mir trage.

Wenn du so leben willst

Viele Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man alleine ist.

Mein Hausfrauen-Dasein mit den klassischen Tätigkeiten wie Wäsche falten oder Fußboden fegen/wischen ist für mich meditativ und hat schon so manche Idee zu Tage gebracht. So auch jetzt…

Handfeger und Schippe müssen kurz Pause machen, es muss raus, bevor es weg ist!

Der Gedanke, die Gefühle, ich.

Ich bin ein Freigeist und liebe das; ein Freigeist mit Spießer-Ambitionen. Ich liebe unser Zuhause, liebe Häkeldeckchen und Vorhänge genauso wie Punk Rock, Grunge und Räucherstäbchen. Wer mich im Alltag trifft, sieht eine Frau in meist bunter Kleidung, Schlaghosen oder langen Röcken, egal was die aktuelle Mode gerade vorgibt. Wobei ich gerade an mir herunter sehe und bemerke, dass ich heute ein freundliches anthrazit und eine eher schmale Jeans trage. Nun ja. Dann eben nicht immer.

Vor etwa zwei Wochen sagte mir (in einem anderen Zusammenhang) jemand „wenn du so leben willst“… ja, genau so. Singend und tanzend durch die Straßen meiner Wahlheimat. Glücklich, dass ich einen lieben Mann an meiner Seite habe und zwei gesunde Kinder.

Die meisten der vorhin gedachten Gedanken sind schon weg, stelle ich gerade fest. Was sehr schade ist. Aber das Lächeln ist immer noch da. Auch beim Gedanken an den immer noch wartenden Handfeger.

Und das ist alles, worum es geht, worum es mir geht in meinem kleinen Leben: glücklich sein!

So vieles können wir nicht beeinflussen, von außen kommt so viel dazu, was uns prägt oder verletzende Kerben hinterlässt. Finden wir etwas, das diese Kerben verschließt, oder die Wunden gar heilt, kommt das Lächeln zurück. Das Lächeln, das wir an andere weitergeben und das vielfach wieder zu uns zurück kommt.

Ich bin durch ein Tal gelaufen, durch lange Tunnel. Nun bin ich wieder da, am Licht, in der Sonne, im Leben!

Dieser Text ist genauso durcheinander wie mein Kopf von Zeit zu Zeit. Aber das ist OK für mich. Meine Gedanken sind klar und mir geht es gut.

Und nun gehe ich wieder fegen.